Adaptionsanalyse von Charlotte Feldmann: Schoßgebete – Charlotte Roche – Piper – 2011

Buchseiten: 283
Genre: Roman / Schwarze Komödie (Buch/Film)
Erzählform: Ich-Erzählung (Buch/Film)
Struktur: Rahmen- und Binnenhandlung / subjektive Kamera (Buch/Film)
Zeit/Ort: heute, Deutschland (Buch/Film)
Zielpublikum: 16-45jährige, überwiegend Frauen

Informationen zur Autorin
Nach ihrem Buch „Feuchtgebiete“, das in Deutschland 2008 das meistverkaufte Buch des Jahres war, ist auch der neue Roman der dreiunddreißigjährigen Charlotte Roche, deutsche Moderatorin, Produzentin, Schauspielerin, Sprecherin und Autorin, ein absoluter Erfolg.

Informationen zum Buch (Verkaufszahlen, Kritiken etc.)
Der Roman erschien am 10. August 2011 im Piper Verlag und schaffte es in nur knapp einer Woche auf die Bestsellerliste bis auf Platz 1. Noch erfolgreicher als „Feuchtgebiete“, löste der kontrovers diskutierte Roman einen regelrechten Hype aus. Vor allem die Tatsache, dass das Werk starke autobiographische Bezüge aufweist, wurde viel diskutiert. Das Buch befindet sich in der 4. Auflage.

Kurzinhalt

Der Auftakt enthält eine ausgiebig geschilderte Sexszene zwischen Elizabeth Kiehl und Gregor, ihrem Mann: Sex gibt es nur Nachmittags, mit zugezogenen Gardinen, gedämmter Türe und Heizdecke. Wenn erst mal alles perfekt vorbereitet ist, kann Elizabeth sich auch gehenlassen. Dann ist sie frei von Kontrollzwang und Ängsten, dann legt sie sich richtig ins Zeug!
Nach dem Auftakt begleiten wir die neurotische Ich-Erzählerin bei ihren Therapiebesuchen in der Praxis von Frau Drescher und bei einem Puffbesuch mit ihrem Mann. Die Praxis liegt im 11. Stock, das Aufzugfahren ist jedes mal der blanke Horror für Elizabeth. Nur mit angehaltenem Atem kann sie das überstehen. Seit dem Unfall ihrer Brüder vor acht Jahren ist nämlich nichts mehr normal. Der Unfall hat ihre Psyche in Besitz genommen.
Die Puffbesuche bedeuten für sie jedes Mal eine Überwindung. Doch um ihr Ziel zu erreichen – für immer mit ihrem Mann zusammenzubleiben – tut sie alles! Wenn sie erst mal dort ist, kommt sie auch richtig in Fahrt. Die Sextrips bedeuten für sie Urlaub von sich selbst. Und den braucht sie dringend. Es ist anstrengend in ihrem Inneren: Zum überwiegenden Teil begleiten wir sie bei ihren inneren Monologen, Analysen, Kommentaren und Erinnerungen. Immer liegt sie auf der Lauer, sie muss alles kontrollieren, Gefahren verhindern, den Worst Case durchspielen. Immer wieder, immer wieder. Seit dem Unfall ihrer drei Brüder ist der Tod omnipräsent. Ihre Schuldgefühle auch. Daher muss alles beim Notar vorbereitet werden: Wenn der Tod dann bald kommt, soll sich ihr Mann und der leiblicher Vater ihrer Tochter um die Siebenjährige kümmern. Georg soll aber nicht wissen, dass sie ständig zum Notar rennt. Er nimmt zwar Rücksicht auf ihr kaputtes Innenleben, aber mit einer lebenden Leiche zusammen sein, das will der auch nicht.

Ausführlicher Inhalt

Elizabeth Kiehl, 33, ist seit sieben Jahren mit ihrem Mann Georg zusammen. Ihre Tochter aus vorheriger Beziehung lebt mit ihnen zusammen. Georgs Sohn zum Glück nicht. Auf den ist Elizabeth nämlich chronisch eifersüchtig, was sie ihn auch spüren lässt, durch strafende Blicke zum Beispiel. Aber sie arbeitet an sich! Es gibt viel, was sie in ihren ständigen Therapiesitzungen zu bearbeiten hat, auch wenn sie in der Sex-Ouvertüre mit Georg so unverkrampft und abenteuerlustig gewirkt hat. Der Schein trügt. Unverkrampft ist hier mal gar nichts. Im Gegenteil. Seit dem tödlichen Unfall ihrer drei Brüder lauert der Tod in jedem Deckenriss, in jedem Aufzug, in jedem Auto und wartet auf sie.
Die vier Tage, bei denen wir sie bei ihrem Alltagsleben – das zwischen Therapiestunde, Kochen und Puffbesuch pendelt – begleiten, werden immer wieder durch ihre Erinnerungen an den alles verändernden Tag in ihrem Leben unterbrochen:
An dem Hochzeitstag mit ihrem Exfreund sind ihre Mutter und ihre drei Halbbrüder mit dem Auto unterwegs nach England, denn dort soll die Trauung stattfinden. Elizabeth jedoch fliegt nach England. Die Fahrt mit dem Auto ist notwendig, damit das Brautkleid transportiert werden kann ohne zu knittern. Auf dem Weg gerät ihre Familie in eine schwere Massenkarambolage, wie sie kurz vor der Trauung von ihrem Vater am Telefon erfährt. Die Mutter liegt mit schweren Brandverletzungen im Krankenhaus, die Brüder sind tot, verbrannt. Wie vom Erdboden verschluckt; es können nicht einmal mehr irgendwelche Überreste gefunden werden. Von da an wird Elizabeth von tiefen Schuldgefühlen heimgesucht; hätte sie sich von ihren Brüdern nicht kurzerhand überreden lassen, das Brautkleid vor der Autofahrt noch anzuziehen, wäre der Unfall nicht passiert. Dann wären sie nämlich früher losgefahren. Außerdem soll so eine Aktion ja auch Unglück bringen. Brautkleid vor der Trauung anziehen und präsentieren. Aber an so einen Unsinn glaubt sie eigentlich nicht als strenge Atheistin! Aber wer weiß.
Seit dem Unfall kann sie sich nicht mehr entspannen, denn wenn sie sich entspannt, dringen die Erinnerungen und Schuldgefühle durch und das ist unerträglich. Also alles schnell machen, zum Beispiel beim Joga vor der Entspannungsphase am Schluss schon rausgehen! Nur beim Sex kann Elizabeth richtig Urlaub von sich selbst nehmen und endlich ihre diffusen Ängste ausschalten. Auch wenn die Puffbesuche mit Georg ihr jedes mal eine Überwindung abverlangen. Aufregung hasst sie! Aber dann ist es doch ganz geil!
Seit dem Unfall leidet sie unter Verfolgungswahn wegen der „Druck-Zeitung“, die damals alles daran gesetzt hat, eine reißerische Story über den Unfall zu bringen. Diese Typen haben der unter Schmerzmittel und Psychopharmaka stehenden Mutter sogar im Krankenhaus aufgelauert und es mit einem Lockmittel geschafft, dass sie ihnen ein Interview für ihr Schmierblatt gibt. Vor allem im Puff glaubt sie, dass ihr und Georg jeden Moment ein Fotograph von der Hetzpresse auflauern könnte. Daher untersucht sie erst das Puffzimmer, bevor es zur Sache geht. Irgendwann wird sie sich an den Leuten von der „Druck-Zeitung“ rächen, und zwar deftig!
Ihre Zwangsneurosen, Rachegelüste, Aggressionen, Schuldgefühle, Eifersüchte, Brustkomplexe und alle anderen Ängste versucht Elizabeth durch die drei Therapiesitzungen pro Woche bei Frau Drescher loszuwerden. Harte und langwierige Arbeit. Das größte Thema in den Sitzungen ist ihr Trauma und ihr schlechtes Gewissen, dass sie mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben will. Sie muss lernen, dass sie Menschen verlassen darf und dass sie im Gegenzug andere nicht zu Leibeigenen machen kann. Georg ist nämlich ein eigener Mensch, keine zweite Elizabeth.
Am liebsten hätte sie Frau Drescher ganz für sich alleine; sie gibt sich daher auch die beste Mühe ihre Lieblingspatientin zu werden. Der Weg zur Praxis ist jedes Mal eine Zumutung für sie: mit dem Aufzug in den 11. Stock. Was auf dem Weg alles passieren könnte! Sorge Nummer 1: Brände im Aufzug oder außerhalb. Das kann sie nur mit angehaltenem Atem aushalten bis sie oben ist. Am liebsten würde sie Frau Drescher gar nicht die Hand geben, weil das für sie den geistigen Rahmen ihrer Beziehung sprengt. Auf der Therapiecouch erzählt sie alles (außer das mit ihrer Einstellung gegenüber dem Händedruck) schonungslos: von ihren Puffbesuchen, über das Loswerdenwollen ihre Freundin, die ihr schlechtes Körpergefühl auf sie überträgt, bis hin zu ihrer Todessehnsucht. Dabei sitzt die Therapeutin hinter ihr, während Elizabeth auf das Teufelsbild vor sich starrt. Warum hängt das eigentlich da??
Vom Leben, das für sie mehr anstrengend als angenehm ist, kann sie sich leider nicht befreien, weil sie sich um ihre Tochter und ihren Mann kümmern muss. Ihren Todeshunger muss sie daher aushalten lernen. Aber der Tod wird sie auch entgegen ihren Willen heimsuchen! Wenn der Tod sie dann bald erwischt, soll alles perfekt sein: Daher geht sie mehrmals im Jahr zum Notar. Georg und der leibliche Vater sollen sich gemeinsam um ihre Tochter kümmern. Auch wenn Frau Drescher und Georg ihr einreden wollen, dass es völlig unwahrscheinlich ist, dass auch sie in jungem Alter stirbt. Sie weiß es besser, sie spürt den Tod doch geiern!
Bei der Erziehung versucht sie ein Gegenprogramm zu der von ihr selbst erfahrenen Erziehung aufzustellen: Gesundes Bioessen, regelmäßige Tagesabläufe ohne Ausnahmen, guter Kontakt zum Papa, keine ständig wechselnden Beziehungen.
Zusammengefasst heißt das: Die Protagonistin unserer Patchworkfamilie hat drei Mittel gegen ihre Neurosen: Therapie bei Frau Drescher, der Versuch das Kind und ihre Ehe gegen die Gefahren der Welt zu schützen und Sex. Wobei der Sex die Ehe schützen soll, Punkt drei also Mittel zum Zweck (Punkt zwei) ist. Das ist überhaupt ihr Ziel: Für immer mit ihrem Mann zusammenzubleiben. Wenn das Ziel durch sexuelle Abenteuer mit Dritten erreicht werden kann, dann bitte. So hat sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Mann sichern und der männer- und sexhassenden Mutter eins auswischen. Im weiteren Sinne auch Alice Schwarzer.

Das literarische Werk
Erzähler: Die Ich-Erzählerin bezieht den Leser so stark mit ein, dass er meint, der Figur nicht nur über ihre Schulter hinweg in ihren Alltag zu blicken, sondern direkt in ihrem immer vor sich hin redenden, analysierenden Hirn zu sitzen. Der Leser wird Zeuge davon, wie anstrengend und gleichzeitig amüsant es in der Psyche von Elizabeth zugeht. Die Selbstironie und der Zynismus der Erzählerin geben ihrer traumatischen Geschichte und ihrem Leben heute Biss und Härte. Denn Kitsch (die Angst vor Kacke, wie Elizabeth ihn an einer Stelle definiert…) und romantische Trauer haben hier keinen Platz. Der Rückblick auf den Unfall, von dem die Erzählerin telefonisch erfährt, gewinnt durch ihre realistischen, da ungeordneten Gedankengänge an Emotionalität und Tiefe.

Erzählform: Die Haupthandlung vollzieht sich an nur vier Tagen. Was die Protagonistin erlebt, spielt sich überwiegend in ihrem Kopf ab. Ihre Gedanken führen sie immer wieder zu dem Unfalltod ihrer Brüder zurück. Die Vergangenheit nimmt somit den Platz einer eigenen Geschichte innerhalb der Rahmenhandlung ein und erhellt, warum die Hauptfigur ist wie sie ist: Alle ihre inneren Prozesse und äußeren Handlungen werden durch die Vergangenheit bestimmt. Auch nach acht Jahren noch. An der lustigen Erzählerin und ihrem Geplapper hängt eigentlich ein Betonklotz, das wird im Verlauf des Romans immer deutlicher. In der Haupthandlung versucht die Ich-Erzählerin, diese nachhaltige Beeinflussung aus ihrer Vergangenheit zu bearbeiten. Die Selbsttherapie ist ihr zur Lebensaufgabe geworden: Sie befindet sich in einem ständigen Ringkampf mit der Macht der Vergangenheit über ihr Leben. Ihre Kampfenergie schöpft sie aus den Therapiesitzungen und Anweisungen von Frau Drescher.
Der Kunstgriff der Erzählweise liegt in einer Verbindung aus Leichtem und Schwerem, aus Witzigem und Tragischem, aus Leben als Trauma und Süffisanz gegenüber ebendiesem Leben.

Thema: Das Leben als Trauma, das es ein Leben lang zu bearbeiten gilt. Hieraus erwächst thematisch ein übersteigerter Hilfeschrei nach Sicherheit und Treue in einer unkontrollierbaren Welt. Verbindlichkeit, aber bitte ohne Spießigkeit!
Charlotte Roche beschreibt über die Hauptfigur das Leben als bipolar: lachhaft und schmerzhaft zugleich. Aus ihrer Figur sprechen lauter Gegensatzpaare: Ängstlichkeit und Neugierde, Ablenkung und Bewusstmachung, Verantwortung und Sehnsucht nach Selbstbestimmung, familiärer Hafen und Autonomie, Hysterie und Selbstbeherrschung, Todessehnsucht und Lebenskampf. Die Protagonistin bewegt sich auf dem weiten Feld zwischen Freiheit und Sicherheit, auf dem sie alle psychisch-seelischen Prozesse durchlebt, die eine junge Frau heute haben kann. Durch eine Lupe betrachtet, neurotisch eben.

Adaptionspotential: Nach dem großen Erfolg des Romans dürfte es ein reges Interesse an einer Verfilmung geben. Charlotte Roches` Leser werden sich die Frage stellen: Wie kann ein Buch, das zum größten Teil aus inneren Monologen besteht, filmisch visualisiert werden? Hier liegt die eigentliche Herausforderung einer Adaption: Die Selbstfixierung der Hauptfigur, die im Buch durch innere Monologe kenntlich gemacht wird, ins neue Medium zu übersetzen und den Zuschauer nicht nur dicht an die Hauptfigur heranzuführen, sondern ihn gleichsam in ihre Psyche zu hineinzuzwängen.

Filmisches Thema: In dieser Psyche geht es zwar schwarzhumorig und selbstironisch zu, aber im gleichen Maße auch zwanghaft und angstbesetzt, wie in einem „witzigen Thriller“. Das im Roman breit angelegte Thema müsste im Film fokussiert werden: Leben als Trauma – Traumabewältigung mit witzigem Anstrich sowie Sehnsucht nach Sicherheit und Kontrolle; beides in letzter Konsequenz unerreichbar.

Hauptcharaktere, Konflikt & Struktur

Die weiteren Hauptfiguren unterstreichen das Thema der Protagonistin:
Georg gibt Elizabeth zwar Sicherheit und stärkt ihr bei ihrer Traumabewältigung den Rücken, vielleicht aber nur so lange wie er dafür seine Abenteuerlust in Sachen Sex befriedigen darf. Da wird sich Elizabeth nie sicher sein können und deswegen erfüllt sie ihm vorsichtshalber seine sexuellen Wünsche.
Elisabeths Tochter wurde in der Unfallnacht gezeugt. Die Geburt der Tochter war in Elizabeths Augen ein Trostgeschenk für ihre Mutter, deren Kinder ihr durch den Autounfall genommen wurden. Daher steht auch die Tochter immer in direkter Verbindung mit der Vergangenheit, ihrem Lebenstrauma. Unter keinen Umständen darf der Tochter auch noch etwas passieren; wenn Elizabeth Tochter und Mutter beisammen weiß, ist es eine Qual für sie. Vor allem, wenn sie zusammen Auto fahren. Elizabeths Verlustängste werden durch die Siebenjährige Tag für Tag am Leben gehalten.
Die Mutter konnte Elizabeth durch ihre Lebensweise – ständigen Umzüge und Männerwechsel – überhaupt keine Sicherheit geben. Zumal sie Elizabeth nicht als eigenständige Person wahrgenommen hat, sondern lediglich als ihr Spiegelbild. Was sie bei ihrer Mutter erfahren hat, war eine Symbiose, keine Sicherheit.
Durch ihre widersprüchlichen Gefühle gerät die Protagonistin in Konflikte: Sie will sich von ihrer Mutter abwenden, hat aber gleichzeitig starke Schuldgefühle ihr gegenüber. Sie will für immer mit ihrem Mann zusammen bleiben, vergewaltigt sich dafür aber selbst, indem sie sich zu Puffbesuchen zwingt. Sie verachtet Frau Drescher, weil sie ihr permanent ihr verkorkstes Innenleben vor Augen führt – dreimal wöchentlich muss sie sich das vor Augen halten – gleichzeitig liebt sie Frau Drescher als eine der wichtigsten Personen in ihrem Leben. Denn Frau Drescher sichert praktisch ihr Überleben.
Die in ihrer Chronologie unterbrochene Struktur sollte bei einer Adaption möglichst beibehalten werden, da sie inhaltlich die Verzahnung zwischen Elizabeths Vergangenheit und Gegenwart widerspiegelt: Heute das Gestern, im Jetzt immer das Damals…

Zielpublikum / Marktpotential

Constantin Film hat die Filmreche an “Schoßgebete” bereits gesichert. Oliver Berben wird die Adaption produzieren, Sönke Wortmann Regie führen.