Adaptionsanalyse von Charlotte Feldmann: In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie – Eugen Ruge – rowohlt – 2011

Buchseiten: 132
Zielpublikum der Adaption: TV Serie / geschichtlich Interessierte

Informationen zum Autor: Nach einem Mathematikstudium an der HU-Berlin wurde Eugen Ruge wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1986 begann er seine Tätigkeit als Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor. 1988 siedelte er in die Bundesrepublik über. Seit 1989 wirkt er hauptsächlich als Autor für Theater, Funk und Film. 2011 debütierte er als Romanautor mit In Zeiten des abnehmenden Lichts, für den er den Deutschen Buchpreis erhielt.

Informationen zum Buch (Verkaufszahlen, Kritiken etc.): Der Roman wurde ein großer Erfolg. Er befindet sich in der 8. Auflage und erntet fast ausschließlich positive Kritiken.

Pitch
Von den fünfziger Jahren über das Wendejahr 89 bis zum Beginn des neuen Jahrtausends. Im Mittelpunkt drei Generationen: Die Großeltern, überzeugte Kommunisten, kehren aus dem mexikanischen Exil in die frühe DDR zurück, um dort ihren Anteil am Aufbau der neuen Republik zu leisten. Ihr Sohn, als junger Mann nach Moskau emigriert und später in ein sibirisches Lager verschleppt, tritt die Reise vom anderen Ende der Welt, dem Ural, an. Mit seiner russischen Frau kehrt er zurück in eine Kleinbürgerrepublik, an deren Veränderbarkeit er weiterhin glauben möchte. Dem Enkel wird die Wahlheimat von Eltern und Großeltern dagegen zusehends beengend. Ausgerechnet am neunzigsten Geburtstag des Patriarchen, wandert er in den Westen aus. Die Strahlkraft der politischen Utopie verdunkelt sich von Generation zu Generation. Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.

Ausführlicher Inhalt
Oktober 1989: Wilhelm, Altkommunist, feiert seinen 90sten Geburtstag. Den ganzen Tag martert er sein Hirn auf der Suche nach diesem einen Lied – kämpferisch und traurig gleichermaßen ist es… Er ahnt, dass es sein letzter Geburtstag sein wird und ist froh, nicht mehr erleben zu müssen, was der neue Tschow (Gorbatschow, wie Chruschtschow für Wilhelm ein Verräter) anrichten wird. Die Nachricht, dass sein Enkel Alexander schon im Westen ist, behält Kurt, Alexanders Vater und Wilhelms Sohn, an diesem Tag für sich. Auch seine Frau Irina wird nicht zu Wilhelm Geburtstag erscheinen – sie hasst ihre Schwiegermutter Charlotte, „Madame Zack-Zack“, wie man sie an der Diplomaten-Akademie zu nennen pflegte. Sie zieht es vor, zuhause allein zu trinken und endlos Wyssozki zu hören. Auch Wilhelm findet an diesem Tag noch sein Lied: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“.
Kurt und sein Bruder Werner, vor den Faschisten aus Deutschland geflohen, wurden von Stalin in Russland wegen antikommunistischer Propaganda zu Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt. Kurt überlebte wie durch ein Wunder und brachte nach 15 Jahren vom Ural Irina (die im 2. Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft hat) und Alexander mit nach Hause. Nach seiner Rückkehr versuchte er wie ein Besessenere, die verlorene Zeit aufzuholen: Der Historiker schreibt über die Arbeiterbewegung, wurde ein anerkannter Wissenschaftler – und Meister der Auslassung. Am 1. Oktober 1989 beschließt er, dass es Zeit wird, für das eine Buch, das die wahre Geschichte erzählt.
Denn vor wahren Geschichten drückt sich die Familie seit Jahrzehnten: Wilhelm hat Menschenleben auf dem Gewissen, die „für die Sache“ sterben mussten. Laut Charlotte ist er ein Totalversager, der nur eins wirklich konnte – sich wichtigmachen. Charlotte, ein wenig gebildetes Kleinbürgerkind, herrschsüchtig und lechzend nach Anerkennung, schwingt sich als selbsternannte Wissenschaftlerin auf und hetzt im Auftrag der Partei gegen alle kritischen Stimmen – verleugnend, dass einer ihrer Söhne für seine Überzeugung von den russischen Kommunisten getötet wurde.
Das menschliche Miteinander in dieser Familie ist ein Desaster: Irina fühlte sich von Charlotte wie eine russische Dienstmagd behandelt, Irina wiederum terrorisiert ihre Familie mit ihrem Perfektionsdrang und ihrem zunehmenden Alkoholismus. Alexanders Frauen wurden von ihr herzlos klein gemacht; Kurt versucht Alexander auf Leistung zu trimmen – Alexander verlässt die Familie, seine Frauen, sein Kind. Dabei hat er in seinem Leben nichts sehnlicher gewünscht, als irgendwo dazuzugehören. Als 2001 bei ihm Krebs diagnostiziert wird, bricht er allein nach Mexiko auf, wohin schon seine Großeltern im Krieg emigrierten. (Die Mitbringsel aus Mexiko im Zimmer von Charlotte waren für Alexander, wie für seinen Sohn Markus, Anker der Phantasie.) Das Geld für die Reise stiehlt Alexander seinem dementen Vater Kurt, der mit seinem letzten Buch noch einmal Erfolge feiern konnte und nach Irinas Tod seinem eigenen Ende entgegendämmert.
In Mexiko ist Alexander wieder allein. Er wird ausgeraubt und fährt planlos umher. Schließlich findet er eine kleine Pension am Pazifik, in der er zur Ruhe kommt. Vor der Kulisse von Armut und Hunger überdenkt er die Auseinandersetzungen des Westens mit seinen verschiedenen Ideologien. Er formuliert im Geist Briefe an seine letzte Frau Marion, die er nicht abschickt – Briefe voller Sehnsucht danach, sich ihr, sich irgendjemandem, zugehörig zu fühlen.

Kurzeinschätzung
Der literarische Spitzentitel des Rowohlt Verlages über den im Herbst 2011 ist nicht nur Liebling der Kritiker und heißer Favorit des deutschen Buchpreis 2011. Nein, er steht auch in der Gunst der Leser oben und hat gleich nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten seinen Platz gefunden. Sehr unterhaltsam und stellenweise überaus witzig geschrieben, liest sich das Buch „weg“ – trotz seiner höllisch komplizierten Struktur. Eugen Ruges Geschichte über den Untergang einer ostdeutschen Funktionärsfamilie ist autobiografisch unterlegt. Für das Theater hat er Teile seiner Geschichte schon vor längerem zur Aufführung gebracht.

Die Geschichte ist in 20 Kapitel unterteilt, die in verschiedenen Zeiten spielen und in denen der auktoriale Erzähler die Position jeweils eines Familienmitgliedes einnimmt. Zwei Zeiten werden dabei mehrmals aufgerufen: 2001 und damit Alexanders Reise nach Mexico nach seiner Krebsdiagnose. Und 1989: Wilhelms letzter Geburtstag. Die Geschehnisse dieses Tages werden vorschreitend erzählt aus der Perspektive von sechs Familienmitgliedern. Zwischen diesen beiden Hauptplots wird von 1952 an die Geschichte der Familie mit größeren Zeitsprüngen chronologisch erzählt – aber wiederum immer aus verschiedenen Blickwinkeln und mit Erinnerungspassagen, die bis in die frühen Zwanzigerjahre zurückreichen. Ein Geschichts-Puzzel zu extrem stimmig erzählten Charakterstudien, wobei eine weitere Qualität des Romans darin liegt, dass die Figuren zwar in ihrer Zwiespältigkeit dargestellt, aber vom Autor nicht verraten werden. Ein Kaleidoskop menschlichen Verhaltens, Abgründe inklusive.

Obschon durch die Vielzahl der Personen und des langen Erzählzeitraums inhaltsstark, sind die einzelnen Kapitel mit sehr persönlichen Reflexionen der einzelnen Familienmitglieder ausgefüllt – deren subjektive Wahrnehmungs- und Empfindungswelt.

Vor dem Panorama des Debakels der Arbeiterbewegung und des Sozialismus im 20. Jahrhundert kreist diese Geschichte thematisch um die Frage von Wahrhaftigkeit und (Selbst-)Betrug – um Zugehörigkeit und Isolation. Wie viel Verbiegen nimmt man in Kauf, um Teil einer Sache zu sein – sei es eine Familie oder eine politische Macht? Anhand der Vier-Generationen-Familie dekliniert der Autor für jedes einzelne Familienmitglied diese Frage durch und endet bei vereinsamt sterbenden Alexander, der am anderen Ende der Welt strandet.

Der ständige Wechsel der Erzählperspektive und das Kulminieren der Erzählung in zwei stark voneinander getrennten Zeiten lässt eine filmische Adaption der Geschichte extrem schwer erscheinen. Alexander ist am ehesten eine Klammer, zumal er am deutlichsten die Folgen der Funktionärsgeschichte spürt – er ist aber nur selten Akteur.
Filmisch unter Umständen vorstellbar wäre eine chronologische Erzählung der Geschichte in Serienform. Für ein Einzelstück müsste man die Handlung zeitlich und personell stark begrenzen, was der Vorlage nicht gerecht werden würde.